Als „Nachzügler“ 1953 geboren, hatte ich in meiner Kindheit und Jugend nicht soooo viel auszustehen und fühlte mich recht gut behütet; meine Mutter versuchte, mir alle Wünsche zu ermöglichen, und kümmerte sich um die Zustimmung meines Vaters (der sich – 55 Jahre älter – bei mir aus Erziehungsfragen raus hielt).
Dass meine Eltern mit mir – anderthalbjährig – und meinen Geschwistern aus einer Kleinstadt in Sachsen nach Hamburg „rübergemacht“ haben, finde ich rückwirkend gesehen sehr erfreulich (auch wenn mir Bananen und Apfelsinen nicht so wichtig waren und sind). Das ermöglichte mir ein überwiegend angenehmes Leben – auch wenn ich für manche Lernschritte lange gebraucht habe.

Ich kurz vor meinem 60sten 2013. Meine Frau erzählt dazu gerne stolz, dass ich dann über das Gatter gehüpft bin.

Ich kurz vor meinem 60sten 2013. Meine Frau erzählt dazu gerne stolz, dass ich dann über das Gatter gehüpft bin.

So war ich als Kind von der Grundhaltung her deutlich zu brav, wie die Geschichte vom Beginn meiner musikalischen Sozialisation zeigt: Als Gymnasiums-Frischling folgte ich ohne Nachzudenken der Aufforderung meiner besonders geschätzten jungen Musiklehrerin, die meinte: „Fragt doch mal zu Hause, ob ihr nicht ein Musikinstrument lernen dürft, zum Beispiel Geige“. Also fragte ich meine Mutter getreulich: „Darf ich ein Musikinstrument lernen, zum Beispiel Geige?“ Meine Mutter klärte das und so sparten sich meine Eltern den Unterricht vom Munde ab – der allerdings gar nicht, wovon ich selbstverständlich ausgegangen war, von meiner Musiklehrerin erteilt wurde. Endgültig betrogen fühlte ich mich, als sie zum Ende des Schulhalbjahrs ganz verabschiedet wurde und entschwand und mich zurückließ. Ihretwegen erging ich mich jahrelang in sonntäglichem Üben (mein Vater ging dann immer spazieren; den Zusammenhang habe ich erst später verstanden), um am Montag einem schrulligen Orchestermitglied mehr schlecht als recht vorzuspielen. Immerhin reichte mein Talent, ihn glauben zu lassen, ich würde täglich üben. Die Freude daran war trotzdem recht begrenzt, zumal ich mich für andere Musikrichtungen zu interessieren begann, aber Herr Krull war zu keiner Abweichung von seinem strikten Ausbildungsplan zu bewegen. So konnte aus mir leider kein Ian Anderson oder Jean Luc Ponty werden!

Erst später freute ich mich in Sessions mit Freunden meiner Fähigkeiten, die ich eigentlich nur erworben hatte, weil ich mich nicht traute, meiner Mutter zu gestehen, dass der Unterricht mich eher nervt. Aber das Zusammenspiel mit anderen erlebte ich dann um so mehr als etwas Großartiges, Erfüllendes und habe allen das Musizieren ans Herz gelegt (und mit dem Saxophon habe ich dann auch das zu mir passende Instrument gefunden).

Diese Lehren habe ich – zum Teil leider erst viel später (lebenslanges Lernen!) – daraus gezogen. Letztendlich haben sie mich aber in vielen Verhaltens- und Beziehungsfragen fit gemacht:

1. Wenn ich jemanden mag, heißt das nicht, dass ich mögen muss, was die Person mag. Es lohnt sich, mich selbst zu fragen, was ich möchte.
2. Es hat keinen Sinn, jemand anderem zuliebe etwas zu tun, was ich gar nicht tun will. Und erst recht nicht, etwas weiter zu machen, um jemand anderen nicht zu enttäuschen.
3. Wenn ich nicht die Courage aufbringe, jemand Nahestehendem eine unangenehme Wahrheit über mich zu sagen, bin ich derjenige, der den Preis dafür zahlt (der andere allerdings oft auch; es lohnt sich also in keiner Weise).
Aber auch:
4. Üben führt zum Ziel und
5. manches Tun, was gar kein Ziel war, kann sich trotzdem als angenehm und freudespendend erweisen. Es kommt auch auf die Sichtweise und die Haltung an. „Mach das Beste aus gegebenen Umständen“ ist nicht die schlechteste Empfehlung – solange darunter nicht Stillhalten verstanden wird. Das habe ich dann auch abzulegen versucht:

Klar, dass ich als Jugendlicher meine rebellische Seite entdeckt und mein ganzes (recht langes) Studium hindurch gepflegt habe – auch wenn ich später bemerken musste, dass man auch dabei das eigene Denken vernachlässigen kann.
Als es nach dem Lehrerreferendariat keine Planstellen gab, hatte ich das Glück, dass meine Suche nach einer Tätigkeit im Kulturbereich erfolgreich war; so arbeite ich bis heute in der Oldenburger Kulturetage als Verantwortlicher für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und freue mich einer Tätigkeit, die mir Spaß macht, sehr selbstbestimmt ist und mit der ich mich weitestgehend sehr identifizieren kann – das ist Lebensqualität!

Bleibt zu erwähnen, dass eine Tochter zu haben und mich bewusst ihr zu widmen das Musizieren als erhebendstes Gefühl radikal ablöste – und als Empfehlung, was man in seinem Leben nicht versäumen sollte. Und dass ich erst mit fast 50 reif und erfahren genug war, die ganz große Liebe zu finden, zeigt, dass es sich lohnt, sich nicht zufrieden zu geben, wenn man nicht zufrieden ist.

Mit 60 nun erfülle ich mir nun den Wunsch eines eigenen Blogs und hoffe auf gegenseitige Anregungen in Hinblick auf eine noch lange herbst-/winterliche Lebensetappe voller Freude und Sinnhaftigkeit. Denn ich möchte die 100 plus erreichen und dazu heißt es, rege zu bleiben und – diese Erkenntnis kam zu den benannten noch als wichtigste hinzu –: das Ziel fest ins Auge zu fassen und mit allem Denken und Tun darauf hinzuwirken!